EIN MULTIMEDIALES MULTITALENT

Karin Kuschik über Radioerfahrungen, Dreharbeiten Coaching und Eventmoderation

Karin, wann hast du deine Fähigkeiten zum Entertainment in all seinen Facetten zum ersten Mal entdeckt?

Mit Fünf stand ich zum ersten Mal auf der Bühne, beim Kindergartenabschlussfest. Eigentlich war alles gerade vorbei, da hab ich mich auf einen Stuhl gestellt und gesagt: "Ich möchte aber noch was singen. Und so kam's dann auch. Mein Vater, der Musiker war, hat mich dabei am Klavier begleitet. So was wie "sich zieren", das gab's in unserer Familie eigentlich nie. Mit Zwölf ging ich dann zum Opernkinderchor nach Frankfurt. Das war eine tolle Zeit. Spielen und singen und das auch noch für Geld! Drei Mark für die Probe, Fünf für eine Aufführung. Ich fand mich total reich. Heftig war, als mir irgendwann ausgerichtet wurde, ich sei als Straßenjunge größer als die Carmen. Das war das Aus von einem auf den anderen Tag. Damals war mir noch nicht bewusst, das oft, wenn wir denken die Welt bricht zusammen, längst was viel besseres auf uns wartet. Und so war's dann auch: Eine Woche später war ich schon Mitglied im German American Community Choir und saß mitten im Army Gelände in einer kitschigen Ami-Chapel, mit GI vor der Tür. Der Anfang von meinem ganz persönlichen American Dream. Bis dahin war Englisch immer mein schlechtestes Schulfach, das einzige, wo ich jemals eine "6" geschrieben hab'. Aber ich rede ja nun mal gerne. Also musste ich lernen, um mich im Chor unterhalten zu können. Für meine Reiseplanung durch die USA erhielt ich dann in Englisch die erste "3" meines Lebens." Nach dem Abitur reiste sie alleine kreuz und quer durch die Staaten. Von New York über Texas nach Los Angeles, von einer Mississippi-Kreuzfahrt zur Weltausstellung nach Vancouver - die Leidenschaft für Amerika ist geblieben. "Wenn ich mal ein Jahr lang nicht in New York war, fehlt mir das massiv."

Dann zog es die Hessin Karin Kuschik ins damals noch geteilte Berlin zum Studieren...

Ich wollte schon immer Regie führen, in Berlin gab's die DFFB. Weil ich zu jung dafür war, hab ich erst mal an der FU studiert, was mir am nächsten dran schien: Film- und Fernsehwissenschaft, Publizistik und für den Geist ein bisschen Philosophie. Natürlich brauchte ich einen Job. Irgendwas mit flexibler Arbeitszeit sollte es sein. Da hat irgendwer gesagt: Geh doch zum Radio. Die senden rund um die Uhr. Das klang einleuchtend. Also hab' ich mich vor dem RIAS in eine Telefonzelle gestellt und mir einen Termin bei Personalchef Gorjup erkämpft. Ich hatte natürlich überhaupt keine Ahnung vom Radio. Wie sollte ich sagen: Ich will Aufnahmeleiterin werden, wenn ich gar nicht weiß, dass es den Job überhaupt gibt. Na ja, jedenfalls meinte er ich sei Nummer 242 auf seiner Liste und so bin ich in den Semesterferien erst mal zurück nach Frankfurt gefahren, wo ich in einer Werbeagentur am Empfang gejobbt habe. Übrigens zusammen mit Simone Freund, die ja mittlerweile sehr erfolgreich r.s.2-Musikchefin ist. Aber das nur by the by. Irgendwie hatte ich eine Ahnung, du musst nach Berlin zurück, da passiert was Wichtiges. Und so war es auch. Als ich nach Hause kam, lag ein Brief vom RIAS im Kasten, wo mir eine Schwangerschaftsvertretung als Redaktionsassistentin in der Musikredaktion bei Henry Gross angeboten wurde. (Es lebe dein Kind, Andrea!) Dann ging alles ziemlich schnell: Von der Musik ging's in die Wortredaktion. Erste Umfragen, Reportagen, und irgendwann das Wochenhoroskop. Aber nicht Zuckertütenniveau, sondern richtig. Als dann der Wechsel zu r.s.2 kam landete ich erst mal in meiner geliebten Filmredaktion. Habe Kinotipps und Drehreportagen gemacht. Und dann kam der Anruf. Freitags abends. Der damalige Programmchef Jörg Brüggemann rief an und fragte mich, ob ich am nächsten Tag zwischen 4 und 8 Uhr Zeit habe. Ich sagte: Du weißt doch, dass ich nicht mehr als Assi arbeiten will und er meinte wieso Assi? Du sollst moderieren. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, mal für Desiree Persh einspringen zu müssen. Na gut, dachte ich mir, wenn ich nicht gleich Genscher interviewen muss, kann ich's ja mal probieren."Im Grunde war das natürlich total blauäugig. Ich hatte keine Probesendung vorher gefahren, hatte keine Ahnung von der Diskothek, wusste nur, dass ich eben locker mit den Leuten reden und deren Musikwünsche erfüllen sollte. Nach drei Stunden Schlaf war die Nacht zu Ende und ich bin in den Sender gedüst, um Cornelia Thomas, die vor mir Sendung hatte, wenigstens über die Schulter zu gucken. Für meine erste Sendung lief alles erstaunlich glatt, es gab keine Eilmeldungen, die von mir was Besonders verlangt hätten, keine Attentate, auch sonst war die Welt gesund. Es lief richtig gut. Bis halb Acht. Dann kam leider der Klassiker: Ich hab mich über irgendwas geärgert, und aus voller Kehle Scheeeiiiiße!! geschrien. Leider ins offene Mikro. Ich hab' dann noch mechanisch reagiert und ein "Haben Sie das eben auch gehört - was war DAS denn?" nachgeschoben, im Grunde hab ich gedacht, okay das war's jetzt. Ich kauf mir ein T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich war Moderatorin".

Nach der Sendung rief direkt jemand vom Berliner Kurier an. Ich habe ganz naiv die Wahrheit erzählt und er meinte dann ganz cool, dass er das jetzt alles drucken wird. Von wegen Samstags morgens die Leute derart anzubrüllen. Ich war ganz tapfer und hab gesagt, er soll machen, was er für richtig hält, ich werde die Konsequenzen schon tragen. Irgendwie schien ihn das zu beeindrucken, denn er rief zurück und hatte sich plötzlich für eine ganz nette, positive Titelstory entschieden, die Fotos dazu haben wir dann auch noch gleich gemacht. So kam ich mit der Schlagzeile "Sch... - warum auf r.s.2 das böse Wort fiel" auf Seite 1 und der Sender unverhofft zu Publicity.

Damit war der Weg zur eigenen Morgensendung eingeschlagen, ein ziemlich schneller Umstieg, oder?

Absolut. Zu dieser Zeit veränderte sich ja auch bei r.s.2 ganz viel. Gerade privatisiert, kam plötzlich Rik de Lisle als Programmdirektor in die Voltastraße und hat erst mal alles umgekrempelt. Zu mir hat er gesagt: "Hey Karin Alte, ick finde du makst künftig die Morningshow. Ick brauch jemand, die positiv und natürlich ist und dat bist ja du" Aha, das bin also ich. Mir wären x Leute eingefallen, denen ich das eher zutrauen würde. Aber Rik blieb hartnäckig und mich hat sein unerschütterlicher Enthusiasmus beeindruckt. Also ab jetzt keine Filmtipps mehr, dafür jeden Tag vier Stunden Morningshow und zwar mit Gerlinde Jänicke als Live-Assistentin und Pfarrer Fliege, der jeden Morgen um Zehn nach Sechs seine göttlichen Gedanken live im Studio verkündet hat. Es dauerte nicht lange, da hing ich als "Der gute Morgen für Berlin und Brandenburg" an jeder Bushaltestelle, was mir sehr unangenehm war. Radio machen ist ja immer save. Keiner sieht dich. Ich dachte: "Jetzt bist du draußen. Jetzt wirst du Allgemeingut und jeder meint, er hat ein Recht auf dich." Ich habe damals sehr viel Energie darauf verwendet bloß nicht bekannt zu werden, weil ich dachte, dass ich mit den Konsequenzen nicht zurecht käme. Nach knapp einem halben Jahr habe ich gekündigt, die beiden anderen Tagesmoderatoren Uwe Hessenmüller und Ben Posener, mit denen ich übrigens heute noch befreundet bin, gingen noch in derselben Woche. Damals war echt alles im Umbruch. Aus tausend Gründen. Aber was soll ich sagen: Riks Kampagne ging trotzdem auf. Immer noch sprechen mich die Leute fast nur auf diese Zeit an. Dabei waren das doch nur ein paar Monate und die sind 9 Jahre her. Erstaunlich.

Fortan warst du bei Radio B Zwei mit dabei. Vom gerade privatisierten Sender zurück zur öffentlich-rechtlichen Anstalt...

Ja, im April 1994 bekam ich vom SFB das Angebot bei Radio B Zwei einzusteigen, wo ich wieder direkt im Morgen landete. Diesmal aber für ein paar Jahre. Später kam noch die Single-Show "See you later" dazu. Die Frühsendung hab ich im zwei Wochen Rhythmus moderiert. Ist schon heftig, eine Woche früh um halb Drei aufzustehen und in der anderen erst nachts um Zwei ins Bett zu gehen. Einmal Australien und zurück. 1995 habe ich mich wieder an meinen Regietraum erinnert und bin für einen Sommer nach New York auf die Filmschule. Dafür bin ich Axel Svehla, dem damaligen B Zwei-Wellenchef extrem dankbar. Er hat mich mitten in der MA gehen lassen. "Weil ich will, dass Sie wiederkommen." Bin ich auch und geblieben, bis die Frequenz eingestellt wurde. Danach habe ich tatsächlich vor allem beim Film gearbeitet. Nur einen "Ausrutscher" zum Radio gab's noch: eine Sonntagssendung auf Radio Eins: "Picknick".

Was waren denn deine schönsten, nachhaltigsten Rundfunkerlebnisse?

Ich finde es ja besonders schön, unerwartet Komplimente zu bekommen. Das war bei mir immer dann der Fall, wenn die Redaktion Interviewgäste mit diesem "Und-du-Arme-hast-den-jetzt-im-Studio-Blick" angekündigt hat. Konkret: Rio Reiser, Herbert Grönemeyer, Peter Maffay. Solche Leute. Die wurden mir alle als "schwierig" verkauft. Komisch. Mit Rio hab ich mich auf Anhieb verstanden, mit Grönemeyer erstklassig. Und mit allen gab es "magic moments". Maffay hat mir sogar ne Dankeskarte geschickt für das "intelligente, tiefe" Interview, obwohl ich entgegen einiger Ratschläge aufgestanden bin zur Begrüßung (er ist ja ziemlich klein, ich 1.81m) Ich glaube eben nicht an "schwierige" Menschen, nur an schwierige Situationen. Und wie sich die gestalten, hab ich doch selbst in der Hand. Auch ans Herz ging mir ein achtjährige Junge, der mir eine Rose vorbeibrachte. Und wenn jemand sagt "Wegen Ihnen bin ich extra 'ne halbe Stunde früher aufgestanden" ehrt mich das natürlich schon.

Nach dem Radiokapitel hattest du Zeit, deine anderen Ambitionen auszuleben: Filme machen, Event-Moderation, Schreiberei, Gesang - hat dein Tag eigentlich mehr als 24 Stunden?

Wenn du einen im Angebot findest, sag mir wo's den gibt. Film hat mich ja schon immer fasziniert und so hab' ich in dem Bereich auch erst mal Erfahrungen gesammelt: Kurzfilme in New York, 18-Stunden-Tage für 50 Mark in Berlin, eine Daily Doku als Regisseurin, Knochenjobs zwischen Sinnfrage und Schneegestöber ... Um mir das alles leisten zu können moderiere ich ja auch nach wie vor Events. Also Kongresse, Galas, PK's und so, meistens auf englisch. Dieses Jahr hatte ich Glück und mein Fernweh wurde mit Paris, Nizza, Monaco, Mallorca belohnt. Es hätte genauso gut Wuppertal und Wanneeikel sein können. You never know. Langsam zieht es mich jetzt auch vor die Kamera. Meine jahrelange Scheu hab' ich 2002 offenbar überwunden: Ich habe in zwei Videos mitgespielt, bei einer Serie und in einem Kinofilm, der demnächst rauskommt: "Muksmäuschenstill". Das war überhaupt das Jahr der Premieren: Ich habe einen Piloten für ein neues TV Magazin abgedreht und bin jetzt offen für das, was ich immer vermeiden wollte: Fernsehmoderation. Aber mit Tiefgang, Inhalt und Substanz. Ich will authentisch sein dürfen, und dazu braucht man natürlich auch ein Format mit Format. Außerdem hat das Schreiben wieder an Bedeutung gewonnen. Ich hab ja etliche Buch- und Drehbuchideen in der Schublade. Die will ich jetzt endlich mal umsetzten. Den Job als Songtexterin habe ich immer easy gesehen: Kommt ein Künstler auf mich zu ist es gut, kommt keiner, mache ich was anderes. So sind Alben für Guildo Horn, Udo Lindenberg, Hera Lind und vor allem Kim Fisher entstanden.

Selbst Singen tust du auch noch, bist im Coaching akitv - haben wir noch was vergessen?

Fallschirmspringen?? Aber im Ernst: Es hört sich mehr an als es ist. Ich mache eben viele verschiedene Dinge, aber die beanspruchen ja auch alle nur einen überschaubaren Zeitraum. Im Endeffekt dreht sich sowieso alles um eins: Sprache. Darum geht es auch bei meinem Coaching. Was sage ich ohne zu reden, wie lese ich zwischen den Zeilen, wie werde ich authentisch, wie reagiere ich sicher und schlagfertig auf verbale Angriffe. Das Wissen um die Macht der Sprache kann das Leben enorm erleichtern. Und das mit dem Singen ist bisher nur ein Hobby. Am liebsten Jazz, Soul oder Latin. Ich geh das leicht an. Aber wer weiß, im Dezember habe ich bei der A-Trane Singers Night mit gesungen. Das hatte auch seinen Reiz.

Karin, bei all deinen facettenreichen Tätigkeiten - welchen Stellenwert hat denn nun das Radio für dich gehabt?

Ich fand die Radiozeit wirklich klasse! Sonst wäre ich nämlich auch nie freiwillig um halb Drei aufgestanden - Jahre lang. Der Job ist doch irre abwechslungsreich. Wo sonst lernt man wohl ständig neue Situationen und Menschen kennen und hat dabei auch noch so viel Spaß? Was mir dabei natürlich auch sehr entspricht ist die Schnelligkeit des Lebens. Alle dreieinhalb Minuten heißt es wieder: Alles auf Anfang. Drei Minuten Song, drei Minuten Nachrichten, drei Interview, drei Song, drei Beitrag...alle dreieinhalb Minuten eine neue Aufgabe und vielleicht eine neue Herausforderung. Im Radio moderieren heißt ja auch immer im Jetzt sein. Das entspricht mir. Was in zehn Minuten passiert, interessiert mich nicht. JETZT gebe ich alles. Eine Stunde ist in einer Stunde. Beim Film ist das zum Beispiel völlig anders. Als Regieassi musst du ständig vordenken. Was brauchen alle in zwei Stunden, was in einer? Anstrengend. Übrigens: Eine Sache ist geblieben. Oft geht es mir so, wenn jemand was möchte und ich nicht gleich Zeit habe, dass ich nicht - wie die meisten - sage "ich brauch noch fünf Minuten". Ich sage: "Gib mir dreieinhalb." Tja, ein Leben in Single-Units. Das prägt. Radio war also großartig und ich bin sehr froh und dem alten Ami sehr dankbar, dass ich das erlebt habe und zu dieser Zeit in dieser Position war. Ich wüsste nicht, wo man sonst so viele verschiedene Schicksale kennen lernt und dabei selbst soviel ausprobieren darf und spielen kann, mit der Stimme, beim Geschichten erzählen und fabulieren... außer vielleicht als Schauspielerin...

"Sie ist die Frau hinter den

Spitzenmanagern.

Zu Karin Kuschik kommen Top-Führungskräfte, wenn sie nicht mehr weiterwissen."

ZEIT ONLINE